Von Hetzern, Brandstiftern und der schweigenden Mehrheit - Höcke, Pegida und der Anschlag auf Henriette Reker



Es ist ein gemütlicher Sonntagabend, man zappt so ein wenig durch das Programm und bleibt als politisch interessierter Mensch einmal mehr auf der ARD hängen. Ich sehe eine Talkrunde, ich sehe Leute in Anzügen. Plötzlich verfällt einer von Ihnen in eine merkwürdige Melancholie, säuselt davon, dass er an dem historischen Ort in Berlin seine Nationalflagge herausholen wolle. Zuerst denke ich an etwas Zweideutiges, aber Gott sei Dank kramt die Gestalt dann doch „nur“ eine Deutschlandfahne heraus, um sie über seine Sitzlehne zu hängen. Peinliche Stille breitet sich im Studio aus. 

Und ich denke mir nur: „Watt?! Hat „Die Anstalt“ eine neue Witzfigur? Oder doch eine Wiederholung der Heute Show?“ Gut, ein Einzelfall ist er nicht, sicherlich haben viele von der AFD eine Fahne…
Doch dann packt es mich. Es handelt sich hier nicht um Satire, es handelt sich um den Fraktionsvorsitzenden einer politischen Partei, die bei einer Landtagswahl zuletzt 10,6 Prozent geholt hat. Einer Partei, die nach dem Königsmord an ihrem Gründer Lucke noch mehr als zuvor zur festen Bank für mehr oder weniger weichgespülte Rechte aller Art wird. Satire also? Schön wär’s…





So geschehen am vergangenen Sonntag bei Günther Jauch, dessen Sendung den berechtigten Titel „Pöbeln, hetzen, drohen -  wird der Hass gesellschaftsfähig?“ trug. Dass ein solcher Populist dort ein solches Forum bekommt, ist ohne Zweifel strittig genug. (O-Ton Höcke:„ Die wenigen Deutschen in Berlin, die Sprechen Kanacksprach.“ / „Angsträume für blonde Frauen werden größer.“) Immerhin erlaubte der Auftritt einen geradezu bizarren Eindruck darüber, in welcher Parallelwelt aus Angst und Bedrohung sich viele Menschen angesichts geflüchteter Menschen fliehen. Im Detail ist diese am besten in der Mediathek der ARD oder in seinen zahlreichen Reden auf YouTube zu sehen.
Natürlich kann ich von keinem von Euch verlangen, Eure Freizeit mit solcherlei Propaganda zu verschwenden. Deswegen habe ich das große Opfer für Euch gebracht, mir tatsächlich einige Minuten von diesem Wirrwarr anzuhören, damit euch nicht die Ohren bluten (mehr hab ich leider nicht geschafft, da ich das Gefühl hatte, vor lauter Unsinn eine Hirnblutung zu erleiden):

„Die Asylanten schleppen Krankheiten ein, die wir nicht kontrollieren können. [blabla, mehr wirres Zeug im Hitler/Goebbels-Redeton] Herr Minister Gabriel, kommen Sie zu uns nach Erfurt, wenn Sie sich trauen. Ich fordere Sie! Ich fordere Sie auf zum Rededuell, Sie Volksverräter. […] “

Seine von hunderten Menschen bejubelten Reden und Auftritte illustrieren, was rechte Typen seiner Coleur in erster Linie auf dem Kasten haben: Populismus, Angst und – leere Worthülsen. Angsträume. Kanacken. Tausende Jahre Deutschland. Allparteienkartell. Volksverräter. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Wer hier sachliche Argumentationen, mit Argumenten und Daten unterfüttert sucht, der kann lange warten. Eher so etwas hier: "Der Syrer, der zu uns kommt, hat immer noch Syrien. [...] Wenn wir unser Deutschland verloren haben, dann haben wir keine Heimat mehr.“  (Quelle)

No more words needed.

Heiko Maas stellte in der Sendung sehr richtig fest, erst sind es die Worte, dann folgen irgendwann die Taten. Und die Zeit der Worte ist leider schon lange abgelaufen. Die Taten sind schon da. Feige, ekelhafte Taten. Nahezu jeden Tag. Angsträume? Ja sicher, aber wohl er für Geflüchtete und Vertriebene...


Was lösen diese Tiraden also bei leicht beeinflussbaren und frustrierten Menschen aus? Nun, das musste der Reporter Abdul Karim von der Deutschen Welle leider am eigenen Leib erfahren. Meinen maximalen Respekt für seine Courage:





Alles an sich schon schlimm genug, die Scham kennt kaum Grenzen. Doch es kommt noch schlimmer. Menschen wie Höcke und seinesgleichen haben zudem durch das weltumspannende Informationsnetz heutzutage leider einen Multiplikator an der Hand, von dem die Giftspritze Goebbels vor 80 Jahren nicht mal zu träumen gewagt hätte. 

Das Netz ermöglicht leider nicht nur den Austausch von Wissen und Informationen, sondern im Gegenteil auch von Desinformation, Unwissen und Aberglauben (Stichworte? Chemtrails, Impfverschwörer, Holocaustleugnung etc.) Leute, die Ihr Umfeld mit Ihrem halbgaren Halb-, Viertel- und Achtelwissen zuvor nur regional eingeschränkt belästigen konnten, können sich nun national oder international vernetzen und sich in Ihrer Paranoia gegenseitig bestärken.


Wer Hass säht, wird Gewalt ernten...


Das Resultat der mannigfachen Hetze war kurz vor der Bürgermeisterwahl in Köln zu beobachten, als die parteilose Kandidatin und inzwischen gewählte Bürgermeisterin Henriette Reker von einem aufgehetzten Mann brutal niedergestochen wurde – wohl aufgrund Ihrer Engagements für Geflüchtete. Der 44-Jährige Täter war scheinbar tatsächlich davon überzeugt, mit seinem Attentat etwas Gutes „für unsere Kinder“ zu bewirken. Der Aufschrei von Politik, Verbänden und Medien war riesig, die prominent besetzte Mahnwache namhafter Landespolitiker (u.A. Hannelore Kraft, Christian Lindner und Armin Laschet) gut besucht. Ein „Aufstand der Anständigen“ wurde beschworen, der die lebensgefährlich verletzte Reker – angesichts der neuen Dimension der Gewalt jetzt erst recht – erdrutschartig ins Amt heben sollte. Traurigerweise sollte dieser berechtigte Aufstand nicht gelingen. So gewann Frau Reker zwar, doch war ungeachtet der bestialischen Attacke auf eine wehrlose Frau mittleren Alters die niedrigste Wahlbeteiligung (40,3 Prozent) in der Geschichte Kölns zu verzeichnen. Ziemlich unanständig. 

Zu beobachten ist hier ein ebenso eklatantes wie beunruhigendes Problem unserer Demokratie. Denn es wird augenscheinlich, dass sich nicht nur Menschen in strukturschwachen Randgebieten zunehmend von der Politik abwenden, sondern auch in sonst liberalen und florierenden Großstädten wie Köln. Keine Anständigen weit und breit, kein Zusammenrotten gegen Extremisten, nichts. Nur gähnendes Desinteresse und Apathie. Wahlerfolg hin oder her.   
Wehret den Anfängen, Worten folgen Taten. Solange die Mehrheit der toleranten und rationalen Menschen schweigt, überlassen wir den Extremisten das Feld. Die Pegidisten schreien „Wir sind das Volk“, um sich aus Ihrer Ohnmacht zu befreien, um sich zu ermächtigen. Aus einer diffusen Angst vor der Gewalt, die Fremde angeblich in dieses Land tragen würden. Doch die Scorelist sieht für mich ganz deutlich anders aus:

 
Quelle: https://www.facebook.com/politische.schoenheit

Wie der WDR-Redakteur Thomas Spickhofen sehr treffend schreibt, ist es 
"an uns allen, diesem Hass, dieser Verachtung und dem Applaus, den sie erhalten, entgegenzutreten. Wir, die meistens schweigende Mehrheit, muss auch ganz klar Nein sagen, und zwar ebenso deutlich und öffentlich. Ebenso ruhig wie entschlossen: Nein, wir wollen das nicht."

Denkt mal darüber nach.

Kommentare

  1. http://www.sauberer-himmel.de/2012/07/26/warum-die-vielen-streifen-am-himmel-keine-kondensstreifen-sind/ soviel zum Thema Chemtrails und Aberglaube...

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    1. Wie Sie auf einer so haarstreubenden These beharren können ist mir wirklich ein Rätsel. Sie denken nun also, dass durch das hinklatschen eines Links hier die Chemtrail-Verschwörung zum Fakt wird? Was ist das denn für eine Quelle? Eine von einer Privatperson betriebene Seite? Ich gebe Ihnen mal einen geheimen Tipp: Nur weil sich jemand Rechtsanwalt schimpft bedeutet dies noch lange nicht, dass er ernstzunehmen ist. Besonders nicht so einer wie Ihr Dominik Storr, der nach eigener Aussage auch an eine Verschwörung des "khasarischen Judentums" glaubt und seine Sätze mit "Wissenschaftler haben herausgefunden, dass..." beginnt.
      Es tut mir wirklich Leid, aber wenn Sie das wirklich für Bare Münze nehmen, dann ist Ihnen wirklich nicht mehr zu helfen.

      Nebenbei ist ein solcher Umgang mit "Informationen" genau das, was ich in dem Artikel gemeint habe. Jeder Querkopf (Sie können mich gerne auch für einen solchen halten) kann über das Netz seine Propaganda teilen und mit Pseudo-Fakten und Quellen unterlegen. Wer hier dann nicht richtig mit dem Medium Internet umgehen kann, verliert sich natürlich leicht in solchen halbgaren Quatsch. Das Interesse der Autoren wie etwa Ihres Dominik Storr liegt dabei auf der Hand: er bietet kostenpflichtige Vorträge an, um seinen Jüngern Geld aus der Tasche zu ziehen.
      Danke an dieser Stelle also für Ihr tolles Beispiel!

      Beste Grüße!

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    2. Hier ist der Urheber der Seite übrigens in Aktion zu betrachten, nur nochmal zur Verdeutlichung; https://www.youtube.com/watch?v=nHX_x_hiqBE

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